Emmershäuser Mühle

Blick über den Zaun des Flüchtlingsheims "Emmershäuser Mühle" in Weilrod

Flüchtlingsheim „Emmershäuser Mühle“ in Weilrod-Emmershausen, Hochtaunus.

Damals war es nicht so leer – als wir ankamen, war hier richtig Betrieb. Einige schauten aus ihren Fenstern oder kamen sogar raus auf den Hof – die Leute waren immer neugierig, wenn eine neue Familie einzog.

Wir kamen mit dem Taxi aus Bad Homburg. Dort war das Sozialamt, bei dem wir uns als erstes nach unserer Ankunft in Deutschland melden sollten. Während meine Familie den nicht zu knappen Papierkram klärte und nebenbei auch erfuhr, wo wir überhaupt wohnen würden, war ich mit den Aufzügen im Gebäude beschäftigt. Total begeistert davon, dass zwei davon direkt nebeneinander lagen, dass sie so sanft anfuhren und stoppten. Und dass die Türen tatsächlich warteten, bis alle drin oder draussen sind statt sofort zuzugehen sobald der Knopf gedrückt wurde. Wobei den Knopf habe dich nicht angefasst, ich hatte nämlich Angst Ärger zu kriegen wenn ich den Aufzug unnötig betätige. Also habe ich in einem der Aufzüge gehockt und gewartet bis ihn jemand wirklich braucht und bin dann mitgefahren.

Dann kam der Moment, auf den wir so lange gewartet haben. Wir würden erfahren, wo wir die nächste Zeit leben würden. ich habe diese Frage natürlich noch in der Heimat meinen Eltern gestellt, als ich von dem Umzug erfahren habe. sie wussten es selbst nicht so genau, aber gingen von einem Heim oder einer Art Hostel aus. Und so war es – es ging in ein Wohnheim für Flüchtlinge und andere Migranten.

Wir stiegen ins Taxi und fuhren los. Erst Autobahn, und dann immer weiter weg von der Stadt, auf Landstraßen, die sich durch Wälder und Felder schlängelten, und manchmal durch kleine Dörfer oder Städte, die gefühlt aus drei Häusern und einer Ministraße bestanden.

Irgendwann bogen wir von einer der vielen kurvigen Landstraßen links ein und fuhren durch ein Tor. „Emmershäuser Mühle“ – es waren mehrere unterschiedlich kleine Fachwerkhäuser mit drei Stockwerken, ein Hof und etwas weiter weg auch die Mühle, nach der das Ganze benannt war.

Es ging ins Haupthaus in ein Büro, wo eine Art Chef saß. Der Typ namens Uwe mit einer unfassbar tiefen Stimme nahm ziemlich lange unsere Personalien auf, ließ unsere Pässe kopieren und erledigte diversen anderen Papierkram. Danach ging er mit uns hoch ins zweite Stock und zeigte uns unsere Zimmer, die wir dann beziehen durften. Vier Personen -> zwei Zimmer. Eins für meine Großeltern und eins für meine Mutter und mich.

Die Zimmer waren mittelgroß, vielleicht 15 m², hatten jeweils einen Tisch, einen kleinen Kühlschrank, einen Schrank. Außerdem zwei Betten bei Oma und Opa, und ein Doppelstockbett bei meiner Mutter und mir. Auf dem Gang gab es ein Gemeinschaftsbad mit Badewanne, was wir uns mit ein paar anderen Familien teilen würden.

Zwei eigene Zimmer für eine Familie – wenn ich über die heutigen Verhältnisse in Flüchtlingsheim höre, muss ich mir jedes Mal klarmachen, was für ein Luxus das eigentlich war.

Beim beziehen der Zimmer mussten wir noch kurz den Chef bemühen: in einem der Kühlschränke klemmte ein Fach. Er schickte uns den Hausmeister vorbei, der das in 3 Sekunden regelte und dafür Von meinen Großeltern gefeiert wurde. Danach konnten wir endlich unser irgendwo auf dem Weg gekauftes Essen auspacken und zum ersten Mal am neuen Ort speisen. Das war unser „Bankett“ um zu feiern, dass wir tatsächlich in Europa angekommen waren.

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